HSV Logo

Eine kleine WM-Vorschau aus Hamburger Sicht

von Kai Steinbrunn

Am letzten Donnerstag hatte das deutsche Team der Beckenschwimmer zum ersten Mal Gelegenheit, im Wettkampfpool in der „Rod Laver Arena“ zu trainieren.
Die Wettkampfstätte, eigentlich als Tennisstadion Heimat der „Australian Open“, wurde im Jahre 2000 nach der australischen Tennislegende Rod Laver benannt, dem es als bisher einzigem Tennisspieler in der Geschichte gelang, zweimal alle Grand Slam Turniere innerhalb einer Saison zu gewinnen (1962 und 1969).
Es lag also ein Hauch von Geschichte in der Luft, als die beiden Hamburger Teilnehmer Jens Thiele (SV Eidelstedt) und Birte Steven (AMTV-FTV) das Stadion betraten. Beeindruckend war für die Athleten dabei wohl weniger der geschichtliche Hintergrund, als vielmehr der Anblick der 11.270 Sitzplätze und damit die Vorahnung auf das, was die Schwimmer in Sachen Stimmung und Atmosphäre während der Wettkämpfe erwarten wird.

„Birte und Jens sind beide gut drauf und freuen sich auf die Wettkämpfe. Während Birte überhaupt keine Schwierigkeiten mit der Zeitumstellung hatte, gab es bei Jens anfänglich schon ein paar kleinere Probleme, die aber mittlerweile erledigt sind“, erzählte der Hamburger Headcoach Carsten Gooßes. „Besonders Birte ist schon richtig heiß und freut sich unheimlich auf das erste Training im Wettkampfbecken und dann auf ihre Rennen“, so Gooßes weiter.

Für Jens Thiele wird es bereits am Sonntag, den 25.03.07 ernst. Am Vormittag stehen die Vorläufe über 4x100m Freistil auf dem Programm. Als Drittplatzierter der Wintermeisterschaften im November in Hannover, qualifizierte sich Jens für diese Staffel. Das Ziel für diesen Wettkampf ist nicht mehr und nicht weniger als die Qualifikation für das Finale, das am Sonntag in den Abendstunden (Ortszeit) stattfinden wird.
Wenn man sich die Ergebnisse der WM 2005 (Montreal) und auch die Vorleistungen der Athleten in den letzten Wochen und Monaten anschaut, dürfte klar sein, dass es selbst für den Europameister Italien über diese Strecke schwer sein wird, eine Medaille zu erreichen. Die Topfavoriten sind sicher die USA, gefolgt von Kanada, den Südafrikanern und Australien. Für das deutsche Team ist eine Wiederholung oder vielleicht sogar eine Verbesserung des sechsten Platzes von Montreal 2005 ein realistisches Ziel.

Birte Steven greift am Montag, den 26.03.07 zum ersten Mal in das Geschehen ein. An diesem Tag finden vormittags die Vorläufe über 100m Brust statt, eine Strecke, die für Birte eher eine Nebenstrecke ist, über die sie aber zuletzt vor etwas mehr als einer Woche beim letzten Testwettkampf in Berlin eine neue persönliche Bestzeit in 1:09,15 schwamm. Eine Finalqualifikation von Birte über diese Strecke wäre eine tolle Überraschung, zumal ihre Hauptstrecke, die 200m Brust ja erst noch kommen.
Im Finale über 100m Brust steht die Siegerin eigentlich schon fest. Derzeit kann sich die australische Weltrekordlerin Leisel Jones über diese Strecke wahrscheinlich nur selbst schlagen. Zu groß ist ihre Dominanz in den letzten Jahren. Wenn Jones also gut drauf ist, wird an ihr kein Weg vorbeigehen, wenn es um die Vergabe der Goldmedaille geht. Um die verbleibenden Medaillen werden sich mit Jessica Hardy und Tara Kirk wohl vor allem zwei US-Amerikanerinnen streiten.
Die zweite deutsche Starterin in dieser Disziplin ist die amtierende Wintermeisterin Janne Schäfer (TV Jahn Wolfsburg), die in Großbritannien studiert und sich auf die WM zuletzt in einem Trainingslager in Neuseeland vorbereitet hat. Mit einer Zeit von unter 1:08 könnte sie vielleicht sogar in den Kampf um die Bronzemedaille eingreifen. Für die beiden deutschen Starterinnen geht es über die 100m Brust ganz nebenbei auch noch um die Qualifikation für die deutsche 4x100m Lagenstaffel.

Am Mittwoch, den 28.03.07 steht für Jens Thiele mit dem Vorlauf über 200m Lagen ein ganz wichtiges Rennen auf dem Programm. Obwohl er als Deutscher Wintermeister auch über die 200m Rücken qualifiziert ist, haben er und sein Trainer Carsten Gooßes das Hauptaugenmerk eher auf die 200m Lagen gelegt. Mit einer Zeit in der Näher seiner persönlichen Bestzeit (2:01,74), die er bei den Deutschen Wintermeisterschaften aufgestellt hat, wäre ihm eine Qualifikation für das Semifinale so gut wie sicher. Wenn er sich dann noch einmal steigern und evtl. sogar seine Bestzeit um ein paar Zehntel drücken kann, ist sogar ein Platz im Finale möglich.
Mit Christian Keller (SG Essen), wird ein ehemaliger deutscher Spitzenathlet Jens bei diesem Rennen ganz genau zuschauen. Denn wenn der Hamburger seine persönliche Bestzeit erneut verbessern kann, ist auch der Deutsche Rekord von Christian Keller aus dem Jahre 1993 (2:01,06) nicht mehr weit entfernt.
An der Spitze wird es im Finale ein hochinteressantes Duell zwischen Michael Phelps, dem Weltmeister und Weltrekordhalter auf der langen Bahn und seinem Pendant auf der kurzen Bahn, Ryan Lochte geben. Nachdem Michael Phelps ja bereits seit Jahren mit fantastischen Leistungen auf vielen unterschiedlichen Strecken für Furore sorgt, machte Lochte vor allem im letzten Jahr während der Kurzbahn-WM in Shanghai über die längeren Rücken- und Lagenstrecken von sich reden. Als einziger Europäer kann auf diesem Leistungsniveau vielleicht noch der Publikumsliebling der EM in Budapest, der junge Lazlo Cseh (HUN), bei der Vergabe der Medaillen ein Wörtchen mitreden.

Für die 200m Rücken hat Jens Thiele sich eine Qualifikation für das Semifinale als Ziel gesteckt. Hier heißt es dann allerdings schon im Vorlauf am Donnerstag, den 29.03.07 in die Nähe seiner Bestzeit (1:59,60) zu schwimmen. Ähnlich, wie bei Birte Steven über die 100m Brust, wäre ein Platz im Finale über 200m Rücken für Jens ein Riesenerfolg.
Mit dem Weltrekordler, Olympiasieger und Weltmeister Aaron Peirsol schickt sich der Dominator der letzten Jahre an, seinen Titel über die 200m Rücken zu verteidigen. Seit 2001 ist Peirsol über diese Strecke ungeschlagen.
Wer erinnert sich nicht an das Finale über 200m Rücken bei den olympischen Spielen von Athen. Peirsol wurde zunächst disqualifiziert und nach entsprechenden Interventionen der amerikanischen Mannschaftsführung und auch des Zweitplatzierten Markus Rogan (AUT) letztendlich doch als Olympiasieger gefeiert. Ein strahlender Gewinner der Goldmedaille und ein „Olympiasieger der Herzen“ mit seiner Silbermedaille sorgten tagelang für Schlagzeilen.
Peirsol ist also auch für dieses Rennen der Topfavorit. Dahinter gibt es jedoch mit Arkady Vyatchanin (RUS, Europarekordler, amtierender Europameister), Lazlo Cseh (HUN), Razvan Florea (ROM), Markus Rogan (AUT) und nicht zuletzt auch dem Frankfurter Helge Meeuw gleich mehrere Anwärter auf die beiden verbliebenen Medaillen.

Ebenfalls am Donnerstag, den 29.03.07, steht für Birte Steven über 200m Brust ihr Hauptrennen an. Mit einer Zeit in der Nähe ihrer persönlichen Bestzeit (2:25,95), was nach den Ergebnissen der letzten Wochen zu urteilen durchaus im Rahmen ihrer Möglichkeiten liegt, sollte sie die Vorläufe und auch das Semifinale unbeschadet überstehen. „Im Finale ist dann alles möglich. Mein Anspruch ist es durchaus, auch im Finale weit vorn mit zu schwimmen“, gab sie unlängst in einem Fernsehinterview zu Protokoll.
„Beim letzten Testwettkampf in Berlin, hatte Birte noch etwas Schwierigkeiten, ihren richtigen Rhythmus über die 200m Brust zu finden, was wir auch anhand von Frequenzschwankungen feststellen konnten. Trotzdem ist schon in Berlin eine gute Zeit herausgesprungen. Wir haben uns dann in den letzen Trainingseinheiten mit speziellen Serien darauf konzentriert, das Frequenzgefühl bei Birte zu optimieren. Außerdem ist sie unheimlich motiviert, ja geradezu heiß auf dieses Rennen“, berichtete ihr Hamburger Trainer Carsten Gooßes. Beste Voraussetzungen also für ein tolles Ergebnis.
Auch über diese Strecke wird Birte auf die Weltrekordlerin aus Australien, Leisel Jones, treffen. Und auch über diese Strecke ist abzusehen, dass es weltweit wirklich keine Schwimmerin gibt, die auch nur annähernd in der Leistungsklasse der jungen Australierin mit dem etwas ungewöhnlichen Stil mithalten kann.
Aus deutscher Sicht startet in diesem Rennen neben Birte Steven mit Anne Poleska (SG Krefeld) die Gewinnerin der Silbermedaille bei der letzten WM in Montreal. Anne war im letzten Jahr nach Abschluss ihres Wirtschaftsstudiums in Alabama, USA wieder nach Deutschland zurückgekehrt und hatte sich der Trainingsgruppe von Horst Melzer (SG Essen) angeschlossen, konnte jedoch an ihre alten Erfolge nicht mehr anknüpfen. Erst nach einem erneuten Trainerwechsel ging es wieder bergauf mit ihren Leistungen.
Mit Birte Steven und Anne Poleska, die noch immer an einer Fußverletzung laboriert, hat der Deutsche Schwimmverband über 200m Brust also gleich zwei Athletinnen, die sich durchaus Hoffnungen auf eine Medaille machen dürfen, wenn sie ihre Bestleistungen abrufen können.

Sollte sich Birte Steven als schnellste deutsche Schwimmerin über 100m Brust für die 4x100m Lagenstaffel qualifizieren, hat sie am Samstag, den 31.03.07 vielleicht sogar noch eine weitere Medaillenchance. Topfavoriten sind hier sicher die Staffeln von Australien und den USA.
Die deutsche Frauenstaffel holte bei der WM 2005 in Montreal immerhin die Bronzemedaille. Diese zu verteidigen wird jedoch ein hartes Stück Arbeit, da die Leistungsdichte hinter den beiden führenden Schwimmnationen der Welt sehr groß geworden ist.
Wir erinnern uns mit Gänsehaut an das packende Finale der 4x100m Lagen bei den Europameisterschaften 2006 in Budapest, als das deutsche Team buchstäblich um Haaresbreite von den britischen Damen geschlagen wurde. Wenn das Rennen nur 2m länger gewesen wäre, hätte die entfesselt schwimmende Britta Steffen die britische Schlussschwimmerin sicher eingeholt. Somit könnte man meinen, dass die deutschen Mädels noch eine Rechnung offen haben. Wir würden uns freuen, wenn diese im Finale in der Rod Laver Arena am Samstagabend beglichen werden kann.

Damit wünschen wir aus Hamburger Sicht vor allem Birte Steven und Jens Thiele aber auch dem gesamten deutschen Team alles Gute und viel Erfolg in „down under“!

Fenster schliessen