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Nachbetrachtung
von Kai Steinbrunn
(Meinungsäußerungen in diesem Beitrag spiegeln ausschließlich die persönliche Meinung des Autoren wider)

Wir haben unsere Berichterstattung am 24.03.07 mit einer Vorschau begonnen und wollen mit dieser Nachbetrachtung den Kreis schließen.

Die WM hatte für die deutschen Schwimmsportfans den gesamten Kanon an Stimmungen zu bieten. Sie war begeisternd, beängstigend, enttäuschend, faszinierend, verwirrend, ernüchternd, manchmal gar erschreckend, hoffentlich aufrüttelnd und auf jeden Fall anstrengend, zumindest für diejenigen von uns, die sich die nächtlichen TV-Übertragungen trotz Job oder Schule angeschaut haben.

Aber - und das meine ich wirklich ehrlich - es hat sich gelohnt. Wir haben in der vergangenen Woche hochklassigen Schwimmsport zu sehen bekommen, wenn auch leider meist von Athleten anderer Nationen.

Wer konnte sich schon der Faszination eines Michael Phelps (USA) entziehen, der nur durch den Frühstart von Ian Crocker (USA) in der Lagenstaffel daran gehindert wurde, mit acht Goldmedaillen nach Hause zu fliegen.

Wir waren live am Fernseher dabei, als sich zwei Damen im Finale über 200m Freistil anschickten, Geschichte zu schreiben. Laure Manaudou (FRA) und Annika Lurz (SV Würzburg 05) hoben diese Freistil-Mittelstrecke auf ein völlig neues Niveau und blieben beide 1 Sekunde unter dem alten Weltrekord von Franziska van Almsick, den diese mit 1:56,64 im August 2002 bei der EM in Berlin aufgestellt hatte.

Nach langen Jahren waren bei dieser WM endlich einmal wieder zwei Aktive aus dem Hamburger Schwimmverband am Start: Birte Steven (AMTV-FTV) und Jens Thiele (SV Eidelstedt), wenn auch mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen.

Birte trat zunächst über die 100m Brust als zweite DSV-Starterin neben Janne Schäfer (TV Jahn Wolfsburg) an und zog sich über die von ihr nicht so sehr geliebte Strecke sehr gut aus der Affäre. Über ihre Spezialstrecke, die 200m Brust erreichte sie einen hervorragenden sechsten Platz im Finale.
"Birte hat die Ziele, die sie sich selbst gesteckt hat, mit ihrem sechsten Platz im Finale definitiv erreicht", analysierte der Hamburger Chefcoach Carsten Gooßes: "Auch mit ihren Leistungen über die 100m kann sie sehr zufrieden sein. Über 200m hat sie in jedem Rennen die Zeiten bestätigt, die in dieser Saison drin sind. Sie war nach mehr als zwei Jahren wieder bei einem internationalen Top-Event dabei und hat diese Aufgabe ganz hervorragend gelöst. Nach Beginn unserer gemeinsamen Arbeit im August 2006 hat sie mit dieser WM einen sehr guten Schritt in Richtung auf das große Ziel gemacht. Und dieses Ziel heißt: Qualifikation für Olympia 2008!"

Für Jens Thiele ist diese WM sicher bei Weitem nicht so gelaufen, wie er und auch sein Trainer Carsten Gooßes sich dies vorgestellt hatten "Zumindest in einem der beiden Rennen (200m Rücken und 200m Lagen - d.Red.) hatten wir uns schon eine Qualifikation für das Semifinale vorgenommen Sobald Jens wieder da ist, werden wir uns an die Analyse dessen machen, was da schief gelaufen ist, warum die gute Form der Winter-DM nicht gehalten werden konnte."
Die Saison sei bis dato ja keineswegs schlecht gelaufen, so Gooßes weiter, immerhin habe Jens sich bei den Wintermeisterschaften in Hannover mit hervorragenden Zeiten für die WM qualifiziert.
Ähnlich wie bei fast allen Mannschaftskollegen aus dem DSV-Team der Beckenschwimmer wird jetzt zu analysieren sein, warum diese Leistungen beim Top-Event nicht abgerufen werden konnten. "Wir werden uns das in Ruhe anschauen und uns dann auf die nächsten Events konzentrieren", kündigte Gooßes an.

Über die Misere der deutschen Beckenschwimmer ist in den letzten Tagen viel gesagt und geschrieben worden, von Leuten die sich auskennen und eben auch solchen, die besser nichts gesagt hätten.

Ein sehr lesenswerter Artikel, der den Unterschied zum amerikanischen Team sehr schön deutlich macht, findet sich am 03.04.07 unter dem Titel "Die Goldfabrik" im Tagesspiegel.

Sicher kann man Sportfördersysteme nicht einfach eins zu eins kopieren - aber wenn man im Schwimmsport wieder an die internationale Spitze will, muss sich in den Köpfen der Athleten einiges ändern. In einem internationalen Umfeld, das immer professioneller wird, kann man mit Amateuren irgendwann nicht mehr gegenhalten. Und dieser Punkt ist im Schwimmsport leider schon überschritten. Den Anschluss an die Weltspitze haben wir offensichtlich längst verloren.
Silbermedaillen und Weltrekorde auf nicht-olympischen Strecken sind da nichts weiter als Augenwischerei.

Neben der Einstellung der Athleten muss aber auch endlich eine vernünftige Vermarktung her. Und hier ist der DSV in der Pflicht, endlich wirklich etwas zu tun, damit unsere Nachwuchsschwimmer in die Lage versetzt werden, unter professionellen Bedingungen zu trainieren.

Dass bei uns in Hamburg die Bäder in jedem Jahr für mehr als 2 Monate für den Trainingsbetrieb gesperrt sind, ist ein weiteres Indiz dafür, dass es soweit noch nicht her sein kann, mit dem sportpolitischen Bekenntnis zur Nachwuchsförderung und den Visionen der Sportstadt Hamburg.

Visionen werden in Hamburg lieber auf Kaispeicher gebaut.

In diesem Sinne - packen wir es an!

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