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4. Wettkampftag (28.03.07)
von Kai Steinbrunn

Zusammenfassung

Ein weiterer Tag bei der WM in Melbourne, der uns Schwimmsportfans wirkliche Wechselbäder der Gefühle bescherte.

Über 50m Rücken starteten für den DSV die bisher eher glücklose Antje Buschschulte und die Weltrekordhalterin über diese Strecke, Janine Pietsch, die mit ihrer Leistung über 100m Rücken überhaupt nicht zufrieden gewesen war.
Bereits im Vorlauf zeichnete sich ab, dass die Leistungsdichte international enorm zugenommen hat. Für beide DSV-Athletinnen reichte es für die Qualifikation zum Halbfinale. Dort war für Antje Buschschulte dann leider Schluss. Sie konnte mit ihrer Zeit von 0:29,00 nicht an ihr gewohntes Leistungsvermögen anknüpfen und schied als 12, aus.
Janine Pietsch hingegen konnte sich in 0:28,72 als 5. für das Finale qualifizieren, verlor aber in diesem Halbfinale ihren Weltrekord an die US-Amerikanerin Leila Vaziri, die mit 0:28,16 um 3/100 unter der alten Bestmarke blieb.

In den Vorläufen über 100m Freistil scheiterten Jens Schreiber (Platz 34 in 0:50,11) und Michael Schubert (Platz 48 in 0:50,56) sang und klanglos und reihten sich damit in die Phalanx der desolaten Leistungen vieler deutscher Athleten ein.

Gleiches müssen wir leider auch vom Hamburger Jens Thiele berichten, der in seinem Vorlauf über 200m Lagen in 2:05,83 nur auf einen enttäuschenden 31. Platz schwamm und somit das selbstgesteckte Ziel, das Halbfinale, deutlich verpasste.
„Was passiert ist, ist für mich nicht zu erklären! Probleme wie die leichte Erkältung oder der ungewohnte Adidas-Anzug können nicht für diesen Einbruch verantwortlich sein. Irgendetwas stimmt mit meinem Körper nicht und hindert mich, meine normale Leistung zu bringen. Wäre ich 2:03,0 geschwommen, könnte man über alles diskutieren! Aber so nicht!“ meldete der sichtlich ratlose Eidelstedter aus Melbourne. Auch sein Hamburger Trainer Carsten Gooßes konnte sich diese Leistung nicht erklären: “Vor allem die Brustteilstrecke war der Knackpunkt in diesem Rennen. Schmetterling und Rücken waren noch ganz ok – aber dann 38 Sekunden über die Brust! Was da los war, kann ich wirklich nicht sagen. Das werden wir gemeinsam in Ruhe analysieren. Jetzt ist erst einmal wichtig, dass Jens dieses Rennen verdaut und morgen dann versucht, locker und unverkrampft an die 200m Rücken heranzugehen. Eine Zeit um 2:00,00 wäre noch einmal ein etwas versöhnlicher WM-Abschluss für Jens.“

„Wo Schatten ist, ist auch Licht“ – Diese etwas abgewandelte Binsenweisheit trifft auf den heutigen Tag wirklich zu. Aus deutscher Sicht war das Highlight natürlich das Finale über 200m Freistil mit Annika Lurz, die, anders als der ZDF-Kommentator Thomas Wark immer wieder gerne postuliert, eben nicht mit Thomas, sondern mit dessen Bruder und gemeinsamen Trainer Stefan verheiratet ist.
Bereits im Halbfinale war der von Franziska van Almsick gehaltene Weltrekord von der jungen Italienerin Federica Pellegrini um 2/10 unterboten worden. Vor dem Finale zeichnete sich ab, dass es bei der Vergabe der Medaillen durchaus wieder in den Bereich des Weltrekordes gehen würde. Und Annika Lurz hatte sich fest vorgenommen, ein gewichtiges Wort mitzureden, was sie vom Start weg eindrucksvoll demonstrierte. In der für sie typischen Art, machte sie von Anfang an Druck und setzte sich an die Spitze dieses Weltklassefeldes. Eigentlich war es nur Laure Manaudou (FRA), die ihr ernsthaft folgen konnte.
Am Ende waren es ganze 23cm, die Annika Lurz von der Goldmedaille trennten. Aber die Zeit! War der Weltrekord von Franzi gestern noch knapp unterboten worden, wurde er heute geradezu pulverisiert. Die Siegerin und damit neue Weltrekordhalterin in 1:55,52 heißt Laure Manaudou. Für Annika Lurz blieb „nur“ die Silbermedaille und ein Deutscher Rekord in 1:55,68. „Ich bin einfach nur glücklich und froh,“ diktierte sie den Journalisten in die Blöcke. Und wenn man ihr strahlendes Gesicht sah, dann glaubte man der sympathischen Würzburgerin, dass es da wirklich kein Nachtrauern nach dem knapp verpassten Sieg und Weltrekord gab.

Am späten Abend (Melbourner Zeit), sprach ich mit Birte Steven. Sie berichtete, dass die Stimmung im Team nach diesem Riesenerfolg für Annika Lurz einen enormen Schub bekommen hat und freute sich riesig für ihre Teamkameradin.

Am Abend vor ihrem Hauptrennen bei dieser WM wirkte Birte entspannt und locker: „Mir geht es wirklich gut. Die 1:09,4 vom Montag über die 100m Brust waren wirklich gut. Das war überhaupt erst das vierte Mal, dass ich über 100m unter 1:10 geblieben bin. Ich freue mich wirklich riesig auf das morgige Rennen. Die Qualifikationen für das Halbfinale und das Finale sollten lösbare Aufgaben sein,“ so die Wahl-Hamburgerin selbstbewusst. „Ich weiß, was ich derzeit leisten kann. Auf anderen Strecken sind die Qualifikationszeiten zum Teil deutlich schneller, als noch vor zwei Jahren in Montreal. Beim Brustschwimmen kann ich diese Entwicklung nicht so sehr beobachten. Allerdings ist es auch schwierig in die Konkurrentinnen hineinzuschauen. Die Chinesin Hui Qi (eine Mitfavoritin – d. Red.) z.B. sah über die 200m Lagen nicht gut aus. Umso wichtiger ist es, dass ich mich nicht an anderen orientiere, sondern mein eigenes Rennen schwimme. Zuerst schaue ich aber mal auf den Vorlauf und werde anschließend mit Carsten (Gooßes – d. Red.) telefonieren, ob noch etwas geändert werden muss, um dann im Halbfinale die Qualifikation für das Finale klarzumachen. Dort werden dann die Karten neu gemischt.“

Auf die Stimmung in der Halle und die gewaltige Kulisse angesprochen, meinte sie: „So richtig bekommt man die Größe der Halle vom Beckenrand gar nicht mit. Und die Stimmung wird jetzt von Tag zu Tag immer besser. Es ist ein bisschen so, als ob die Zuschauer so ganz allmählich aufwachen. Wenn Australier am Start sind, ist es natürlich wirklich laut.

Zu guter Letzt interessierte mich noch, ob schon eine Entscheidung der Mannschaftsführung zur Lagenstaffel der Damen vorliegt. „Wir haben bisher noch keine offizielle Entscheidung mitgeteilt bekommen. Im Vorfeld der WM wurde aber die Richtlinie ausgegeben, dass die jeweils schnellsten Mädchen in den einzelnen Disziplinen in der Staffel starten werden. Ich rechne also damit, am Samstag in der Staffel zu stehen, da ich in beiden Läufen (Vorlauf und Halbfinale – d. Red.) schneller als Janne war. Das ist natürlich für mich als 200m-Schwimmerin schon ein bisschen komisch in dieser Staffel zu stehen, aber wirklich eine tolle Sache. Zu wissen, dass da noch zwei Rennen nach den 200m Brust auf mich warten. So häufig habe ich Großereignisse, wie die WM, ja auch noch nicht mitgemacht. Da genieße ich jeden Tag in vollen Zügen!“

Wir wünschen Birte viel Erfolg für das Unternehmen 200m Brust und würden uns natürlich auch freuen, wenn die deutsche 4x100m Lagenstaffel die Qualifikation für das Finale schaffen würde. Eine Medaille von dieser Staffel zu erwarten, ist aber sicher vermessen. Auf ein spannendes Rennen freuen wir uns allemal.

Birte hat zugesagt, morgen nach dem Finalabschnitt noch einmal für ein paar Worte zur Verfügung zu stehen. Hoffentlich können wir ihr dann zum Einzug ins Finale über 200m Brust gratulieren.

Ein Highlight ohne deutsche Beteiligung soll an dieser Stelle aber nicht unerwähnt bleiben. Über 200m Schmetterling pulverisierte Michael Phelps (USA) seinen eigenen Weltrekord und schwamm mit 1:52,09 eine Fabelzeit, an die wohl über viele Jahre nur er selbst heranschwimmen kann. Die acht schnellsten jemals über 200m Schmetterling geschwommenen Zeiten stammen allesamt von Michael Phelps. Besser kann man die Dominanz des jungen Amerikaners über diese Strecke wirklich nicht beschreiben.

Wir freuen uns auf einen spannenden fünften Wettkampftag und werden morgen an dieser Stelle wieder mit einer Zusammenfassung zur Stelle sein.

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