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3. Wettkampftag (27.03.07)
von Kai Steinbrunn

Zusammenfassung

Wer heute die Wettkämpfe im TV verfolgt hat und nicht zu einem glühenden Schwimmsportfan geworden ist, dem ist meiner Meinung nach wirklich nicht mehr zu helfen. Und ja - auch das deutsche Team hat seinen Beitrag zu diesem tollen Wettkampftag beigetragen.

Dabei hatte der Tag noch so begonnen, wie der gestrige Tag aufgehört hatte. Mit Niederlagen und enttäuschenden Ergebnissen der deutschen Athleten.

Allen voran der Titelverteidiger über 50m Brust, Mark Warnecke. Er scheiterte mit einer für ihn desolaten 0:28,28 als 17. im Vorlauf. Ob die Gründe für dieses Scheitern in einer "durchzockten" Nacht mit einer Playstation, oder gar in den ungeliebten Schwimmanzügen des DSV-Sponsors Adidas zu suchen sind: Wie so häufig liegt die Wahrheit wohl eher hinter den spontan vorgeschobenen Entschuldigungen und Erklärungen. Somit endete eine sehr erfogreiche internationale Schwimmerkarriere etwas unrühmlich in einem Tennisstadion in Melbourne.
Von seinen deutschen Fans wird sich Warnecke voraussichtlich während der Deutschen Meisterschaften Anfang April in Berlin verabschieden.

Der 28.Platz von Benjamin Starke über 200m Schmetterling schien dann auch in das bisherige Leistungsbild der deutschen Mannschaft zu passen.

Und dann kamen die Vorläufe über 200m Freistil der Damen. Mit Annika Lurz, die seit vielen Monaten konstant für Weltklasseleistungen über diese Strecke sorgt und Meike Freitag, die ebenfalls in den letzten Monaten mit international konkurrenzfähigen Zeiten auf sich aufmerksam gemacht hat.
Die Vorlaufzeiten der beiden waren nicht sehr berauschend (Lurz 1:59,42 und Freitag 1:59,24), allerdings reichte es für beide zu einer Qualifikation für die Semifinals. Und damit war das Minimalziel erreicht. Nicht mehr und nicht weniger.

Christian Hein beendete seinen Ausflug aus dem Freiwasser zu den Beckenschwimern über 800m Freistil als 17. in 8:00,14.

Damit war der Vormittagsabschnitt beendet und der Spaß konnte beginnen.

Gleich das erste Rennen im Finalabschnitt sollte in die Analen der Schwimmgeschichte eingehen: Das Finale über 200m Freistil der Männer. Mit Paul Biedermann stand erstmalig ein deutscher Athlet bei dieser WM in einem Einzelfinale. Neben ihm schwamm alles, was im Weltschwimmsport über diese Strecke Rang und Namen hat: Massimiliano Rosolino, Pieter van den Hoogenband, Michael Phelps und der junge Koreaner Tae Hwan Park.
Für Biedermann blieb in diesem hochklassigen Finale Platz 7 in einer wirklich hervorragenden Zeit von 1:48,09.
An der Spitze des Finalfeldes schwamm Michael Phelps wie entfesselt in 1:43,86 zu einem neuen Weltrekord und löschte damit den Namen Ian Thorpe über diese Strecke aus den Rekordlisten. Und das sozusagen in der Höhle des Löwen selbst.

Es folgte das nächste Finale und direkt der nächste Weltrekord. Natalie Coughlin (USA) gewann über 100m Rücken in 0:59,44 vor der französischen Vielstarterin Laure Manaudou, die mit 0:59,87 einen neuen Europarekord aufstellte. Die beiden deutschen Starterinnen Antje Buschschulte und Janine Pietsch hatten sich wie berichtet nicht für dieses Finale qualifizieren können.

Das dritte Finale an diesem Tag waren die 1500m Freistil der Damen. Hier sahen wir mit Sicherheit das schnellste Rennen, das es über diese Strecke je gegeben hat. Zu einem neuen Weltrekord reichte es für die Siegerin Kate Ziegler (USA) in 15:53,05 leider nicht ganz, aber so nahe wie sie in diesem Rennen ist ihrer legendären Landsfrau Janet Evans sicher noch niemand gekommen.
Aus deutscher Sicht müssen wir leider vermelden, dass der Europarekord von Hannah Stockbauer über diese Strecke (16:00,18) seit heute ebenfalls Geschichte ist. Die Schweizerin Flavia Rigamonti stellte eine neue kontinentale Bestmarke in 15:55,38 auf und gewann mit dieser Leistung die Silbermedaille.

Einen weiteren Weltrekord konnten wir dann im Finale über 100m Rücken der Männer erleben. Einmal mehr war es Aaron Peirsol (USA), der seine Ausnahmestellung als Rückenschwimmer eindrucksvoll unter Beweis stellte. Als erster Mensch knackte er die 53-Sekunden-Marke und steigerte seinen eigenen Weltrekord um 2/10 auf nunmehr 52,98 Sekunden.
Einen etwas bitteren Beigeschmack erhält dieses hochklassige Finale, wenn man bedenkt, dass Helge Meeuw mit einer Zeit im Bereich seiner persönlichen Bestzeit, die ja auch gleichzeitig Europarekord ist (0:53,46), in diesem Rennen die Silbermedaille geholt hätte.

Und dann kamen sie, die 200m Freistil der Damen. Mit am Start aus deutscher Sicht die Frankfurterin Meike Freitag und Annika Lurz, die zuletzt bei den Deutschen Wintermeisterschaften in Hannover mit 1:56,73 nur denkbar knapp über dem Weltrekord von Franziska van Almsick geblieben war. Mit ihrem Vorlaufergebnis war die Würzburgerin ganz und gar nicht zufrieden gewesen. Dafür zeigte siie jetzt in diesem Semifinale, wozu sie fähig ist. Nach dem Zielanschlag leuchtete an der Anzeigetafel mit 1:56,67 erneut eine persönliche Bestzeit auf - allerdings nur der zweite Platz. Die neben ihr schwimmende Italienerin Federica Pellegrini war sogar noch 2/10 schneller und stellte mit 1:56,47 einen neuen Weltrekord auf.
Was für ein Paukenschlag! Endlich gab es etwas zu feiern für die deutsche Nationalmannschaft. Und nach den Fernsehbildern zu urteilen, wurde auch genau das in der deutschen Ecke auf der Aktiventribühne gemacht.Vielleicht war diese Weltklasseleistung von Annika Lurz die Initialzündung, der berühmte geplatzte Knoten. Wir wollen es dem Team wünschen.

Heute Mittag kurz nach den Finals hatte ich Gelegenheit, mit Jens Thiele zu telefonieren. Er berichtete, dass die Stimmung im Team nach den ersten beiden Wettkampftagen schon ziemlich gedämpft war, er sich jedoch davon nicht hat anstecken lassen. "Sehr viele Chancen, zu einer WM zu fahren, werde ich sicher nicht mehr bekommen. Für meine kommenden Wettkämpfe und besonders für die 200m Lagen morgen bin ich bis unter die Haarspitzen motiviert. Ich werde mich von Anfang an zerreissen, um hier zu zeigen, dass ich wirklich gut drauf bin und meine Topleistungen abrufen kann," und weiter "die Stimmung in der Halle ist klasse. Besonders wenn die Australier in einem Finale stehen. Dann geht hier ein Gebrüll los, dass man sein eigenes Wort kaum versteht. Allerdings muss ich auch sagen, dass das deutsche Publikum bei der EM 2002 in Berlin mir vor allem deshalb noch besser gefallen hat, weil da auch wirklich für jeden Schwimmer gebrüllt wurde und nicht nur für die eigene Nationalmannschaft!"
Jens berichtete weiter, dass er anfangs doch ein wenig mit der Zeitumstellung zu kämpfen gehabt hat, mehr als er erwartet hatte. Mittlerweile sei diese Anpassung jedoch gut gelungen.
Auf die in der Presse immer wieder zitierte Kritik von deutschen Athleten an den Schwimmanzügen des Hauptsponsors angesprochen, meinte er :"So wirklich glücklich bin ich mit dem Material auch nicht. Ich werde morgen wohl nicht im Anzug, sondern nur in der knielangen Hose starten. Meine eigenen Anzüge sind mir doch deutlich lieber, als die DSV-Ausstattung."

Jens lässt alle Hamburger Schwimmfans ganz herzlich grüßen und bedankt sich auf diesem Weg schon einmal für das Daumendrücken und die Unterstützung aus seiner Heimatstadt und auch von seinem Arbeitgeber, der Hamburger Sparkasse!

Wir freuen uns auf einen spannenden 4. Wettkampftag und wünschen Jens natürlich alles Gute und viel Erfolg für das morgige Rennen über 200m Lagen!

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