hsv-logo.gif (2033 Byte)  

Traininglehrgang für Masters vom 2. bis 7. Jan. 2006 in Halle

Halle hilft hellen (Masters)Helden - für wenig Heller

von Georg Koch

Seit 14 Jahren stellen sich 15~30 gestandene Schwimmsenioren im Leistungszentrum an der Robert-Koch-Straße (Abb.1) in Halle (Saale) ein, um sich von Angela Franke ‚einnorden’ zu lassen. Was bewegt z.T. hoch dekorierte Masters sich immer und immer wieder zu Füßen von Angela Franke Trainingsstrecken anzutun, die sie zuhause nicht einmal in einer Woche absolvieren? Warum plagen sich Frauen und Männer aller Alterklassen direkt nach den anstrengenden Feiertagen zum Jahreswechsel täglich 2 x 3.000m, statt diese Woche gemütlich auf der Couch zu verbringen? Hat dies vielleicht etwas mit den jährlichen Vorsätzen zu tun? Benötigen sie gleich zu Beginn des Jahres einen kräftigen Tritt, um in Schwung zu kommen? Oder ist es ein letzter Versuch, den stetigen ‚Verfall’ Einhalt zu gebieten?


Wer kam nach Halle:
Mit einem Übergewicht an Frauen (~1:6) sind im Laufe des Montags alle Altersklassen und alle Arten von ‚Siegern’ eingetrudelt. Die, die den inneren Schweinehund niederkämpfen bis zu dekorierten Europa- und deutschen Meistern der Sprint-, Mittel- und Freiwasserstrecken, sowie vom DSV, Marianne Papendieck, als ‚Ober-Masterin’ und Isolde König, als Organisatorin.

Alle zusammen (vielleicht bis auf mich) Opfer der Realität im ‚DSV-Land’, wo Senioren ‚vor Ort’ in ihren Vereinen oft nur gelitten sind und entsprechend weniger Trainingsstunden und noch weniger Trainerunterstützungen bekommen - selbst wenn sie dem Verein allein mehr Meriten einbringen als dessen ganze Leistungsschwimmerriege zusammen!

Die Trainer
Wenn dann die Trainerin Angela Franke heißt, eine ehem. Weltklasseschwimmerin der 73/74er Jahre aller 400er-Strecken und spätere Master-Europarekordlerin, fällt der Glaube an Gesagtes leichter, und wenn sie dann noch jedem ‚dessen’ Stil beläßt, d.h. aus keiner eine Franzi oder einen Oleg Poppow machen will, sind letzte Zweifel zerstreut.

Wenn man dann noch das Wort ‚Spaß’ fällt, fühlt man sich wie ehedem die Urchristen bei der Bergpredigt. Mit solch’ festem Glauben ist es dann auch nur möglich derartige Strecken im Wasser zurückzulegen, mit Pausen, die gerade ausreichen die Brille zurechtzurücken.

Hilfsmittel
Bei solch anspruchsvoller Annäherung an die Masters, durfte natürlich die Videokamera nicht fehlen. Hierzu war Harald Schösser verpflichtet, selbst Trainer, der nach und nach alle Aktiven auf der Randbahn aufnahm. Der hierzu eigentlich vorgesehene Strömungskanal stand leider nicht zur Verfügung, weil sein Wasser nach Servicemaßnahmen noch zu trüb war. Aber wie die abendlichen Vorführungen zeigten, konnte man auch so seine ‚Macken’ besser erkennen als einem lieb war. Und sieh da, am kommenden Tag war dann schon manche Marotte verschwunden – als hätte sie es nie gegeben! Offenbar ist es ein Unterschied, ob eine souveräne Trainerin mit Beweisvideo darauf hinweist oder lediglich ein Mitschwimmer oder man sich gar selbst analysiert.

Trainingsphilosophie
 

Abb.2: Angela Franke rechts, davor Haide Klüglein, ‚Seele’ des FSK Flensburg, zeigt wie man eine Ente nicht ißt! Tatort: Bierpichler in Halle.

Balsam ist auch Angela Frankes Trainingsphilosophie. Sie basiert zwar auf den ja nicht so erfolglosen Prinzipien der ehem. DDR-Kaderschmiede, nur wesentlich humaner und toleranter gegenüber, gerade bei Masters, so ausgeprägten Eigenheiten!

Leitbilder von ehedem (s. oben), sind passé. Jeder kann heute nach seiner Fasson selig werden - und dies auch erfolgreich - wie internationalen Wettkämpfen eindringlich zeigen. Wichtig ist lediglich die sukzessive Ausmerzung grober Fehler.

Wie im richtigen Leben sollte man sich auch hier nur erreichbare Ziele setzen. Wenn man sich z.B. einen Start bei den ‚Lange DMM’ Ende April in Berlin vorgenommen hat, sind zwischenzeitliche Wettkämpfe aus Vereinsräson eben nur Wettkampftraining.

Angela Frankes Leitgedanken, für ihre jeweils 1½ -stündigen Trainingseinheiten:

a.) Vielseitigkeit zur Erlangung der Grundlagenausdauer (ggf. auch per Ausdauersport an Land),

b.) Systematik bis zur Erreichung der gesteckten Ziele (Hefte führen),

c.) die subjektive Erfühlung von Technikänderungen und Belastungen des eigenen Körpers.

d.) Keine Uhr beim ersten Grundlagentraining (GA1) – höchstens zur Pulsbeobachtung!

e.) Teilstrecken sollten so gewählt werden, daß die Konzentration auf die Technik erhalten bleibt (ein 200-Mann also nur je 150m trainieren) und ggf. sollten 25m-Sprints eingestreut werden.

f.) Last but not least: Abwechslung, Abwechslung, Abwechslung und

g.) vor, danach und immer wieder zwischen den Trainingsblöcke 400, 100 bzw. 200 lockere Meter, die dann aber auch wirklich locker bis spaßhaft geraten sollten!

Grundausdauer / Superkompensation
Nach der Optimierung der Technik wäre dann die zweite Aufgabe vom ‚GA1’ der Aufbau einer Grundausdauer im aeroben Bereich und erst im darauf aufbauenden ‚GA2’, würde durch die Erhöhung der Intensität die Ausbildung einer Grundausdauer im anaeroben Bereich trainiert, selbstverständlich dann mit einem ständigen Auge auf den Puls und ggf. sogar den Laktat-Pegel.

Das dem arglosen Newcomer auch GA1 zusetzen kann, zeigte Angela sofort nach der Ankunft. Denn da ging es eine Stunde später mit 800mF ‚gebrochen’ in 4x200mF/L (mit 15s-Pausen) zur Sache, nachdem jeder während des 500m-Einschwimmens seine künftige Gruppe gefunden hatte. Danach folgten 600m, gebrochen in 50er-Strecken technische Übungen, und weitere 600mL gebrochen in 150er-Kombis. Per Saldo also netto 2000m, plus 1000m Ein-, Aus- und 300m ‚Aktivpausen’, zusammen brutto 3000m! Und dies war erst der Montag, die folgenden Tage gab es ähnliche Trainingseinheiten morgens und nachmittags, mit Ausnahme des Abreisetages.

Der häufigst von den ja überwiegend allein trainierenden Mastern gemachte Fehler, des zu monotonen Trainings, wurde dabei von Angela mit Abwechslung begegnet. So wird vermieden, daß trotz ständiger Belastung die Reizschwelle ‚wegläuft’, d.h. nicht mehr erreicht wird und die Entwicklung bis zum Stillstand oder gar Abfall einschläft – vom fehlenden Spaß einmal ganz abgesehen.

Jegliches erfolgreiche GA-Training folgt deshalb dem Prinzip der Superkompensation, d.h. einem streßfreiem, selbst erfühlen Zyklus von Ermüdung –> Erholung –> Anpassung –> Rückgang.

Abb.3: Die Entwicklung des superkompensierten Trainings über drei Trainingseinheiten auf der Tafel dargestellt.

Die ideale Trainingskurve (Superkompensation) ist somit eine ansteigende Stufe, in der die Pausen & Trainingsreize so angelegt sind, daß sich nach der ‚Anpassung’ des Körpers an die Belastung ein weiterer Trainingsreiz so gesetzt wird, daß sich letztlich eine kleine Steigerung ergibt – aber ohne die Gefahr eines suboptimalen ‚Übertrainings’.

Gymnastik
Ein besonders Kapitel - die Gymnastik! Sie hat bei Angela Franke einen hohen Stellenwert und ihr waren deshalb vor jeder Trainingseinheit 15~30 Minuten gewidmet. Einmal als Ausgleich zu den auch bei einem noch so abwechslungsreichen Schwimmtraining auftretenden einseitigen Belastungen, vor allem im Bauch, Rücken und Schulterbereich und andererseits dem altersspezifischen Muskelschwund entgegenzuwirken.

Abb.5: Beim Abendessen im Speisesaal mit Peter (links) und Gerhard (rechts im Vordergrund)

Eigenartigerweise weiß dies jeder, aber früher oder später versanden bei den Aktiven alle Initiativen. Erst wird die Trainingsmatte vergessen und später trifft man justament so spät ein, daß man sicher sein kann, daß die Gymnastik vorüber ist. Gymnastik ist nun mal ‚blöd’, nichts für ‚echten Athleten’!

Andererseits geben viele Masters viel Geld aus, um an chromblitzenden Maschinen in schicken Sportstudios genau das gleiche zu erzielen, wohl nach der Logik der sonst so geizigen Schwaben:

„Was nix koscht – is au nix wert!“

Generationen von Sportmedizinern und Sportpädagogen haben sich dieses Paradoxon angenommen - auch Margarete Esser, genannt ‚Flossi’, mit ihrer milden und preiswerten Theraband-Gymnastik und – Angela Franke.

Sie wählte einen Mix aus klassischen Theraband-Übungen und gezielten Kräftigungs- und Dehnübungen, um Dysbalancen unserer Muskulatur auszugleichen und unterforderte Muskelpartien vor allem im Rückenbereich anzuregen. Es fehlte dann auch nicht an Hinweisen auf konkreten Anleitungen (z.B. von ‚Flossis’ „Mit dem Theraband am Beckenrand“ oder den Poster der Techniker-Kasse „Besser trainieren“ u.a.) – um daheim diese Übungen weiterzuführen.

Das Drumherum
Daß dieses Trainingslager in Halle, das an der Saale, stattfindet, hat sicher etwas mit der Heimat von Isolde König zu tun, und auch Angelika Franke wohnt mit

Abb.6: Halle an der Saale, die Vieltürmige - eine größtenteils liebevoll renovierte alte Salzstadt. Links der Prachtbau des Landgerichtes.

Magdeburg auch nicht zu weit entfernt.

Ein Glücksfall ist zweifellos die Unterbringung im prächtigen Clubhaus des renommierten Halleschen Ruderclubs (~15 Fußminuten vom Bad entfernt) mit seinen preiswerten Betten, seiner Bewirtung und sonstigen Einrichtungen.

Die geschichtsträchtige alte Salzstadt Halle ist zudem eine äußerst lebendige Stadt, mit vielen Baudenkmälern und einem regen Kulturleben.

Letzteres aber recht chancenlos gegen das abendliche Glücksgefühl, welches einen geräderten Leib durchströmen kann, wenn er sich im Bett lang macht...


 

FAZIT
So viel guter Masters-Sport, für so wenig Geld, dürfte schwer anderswo zu kriegen sein! Angenehm in Zeiten wo man sich der Senioren oft erst dann erinnert, wenn es damit Geld zu machen gilt. Für mich kamen <200 € zusammen (inkl. Reisekosten) plus Kosten, die auch in Hamburg angefallen wären.

 

Fenster schliessen